In deinem Akku laufen zwei „Uhren“: die
zyklische (sie zählt, wie oft du lädst) und die
kalendarische (sie zählt einfach die Zeit). Der
überraschende Punkt: beim E-Auto kommen
etwa zwei Drittel des Kapazitätsverlusts allein vom
Stehen — nicht vom Fahren. Ob sich „Sparen“ also
überhaupt lohnt, hängt nicht von einer pauschalen Regel ab, sondern
von deinem Fahrprofil und der
Zellchemie (LFP, NMC, NCA).
Die zwei „Uhren“ im Akku
Kapazitätsverlust hat zwei Ursachen — und beide laufen parallel:
🔄
Zyklische Alterung
Sie entsteht, wenn du lädst und entlädst. Dabei lagern sich
Lithium-Ionen zwischen den Materialien der Zelle hin und her — ein
mechanischer Stress, der die Materialien im Laufe der Zeit
belastet. Besonders stark ist der Effekt bei
hohen Ladeständen über 80 %, wo die Spannung
in der Zelle am höchsten ist.
⏳
Kalendarische Alterung
Sie läuft, ob du fährst oder nicht — während der
Akku steht, bilden sich auf der Anode chemische Schichten, die
Ionen festsetzen und den Widerstand erhöhen. Besonders stark in
der Hitze und bei einem
hohen Ladestand: dort laufen (unerwünschte)
chemische Reaktionen am schnellsten.
Der Kern
Zwei Drittel des Verlusts beim E-Auto-Akku kommen allein vom
Rumstehen — nicht vom Fahren. Das ist der Grund,
warum „immer brav auf 80 % laden“ oft nicht der
entscheidende Hebel ist: die kalendarische Uhr schlägt weiter, egal
wie vorsichtig du lädst.
Gedankenexperiment: Handy und E-Auto
Stellen wir uns dasselbe Zellmodell in zwei Geräten vor — mal im
Handy, mal im E-Auto. Der Effekt ist verblüffend:
Handy-Akku
E-Auto-Akku
Autolebenszeit
≈ 3 Jahre
≈ 18 Jahre
Autolebenszeit-Zyklen / Jahr
≈ 300 (fast täglich ein voller Zyklus)
40–60 (je nach Nutzung)
Dominante Uhr
zyklisch
kalendarisch
Dasselbe Zellmodell lebt im Handy rund drei Jahre — im E-Auto knapp
zwei Jahrzehnte. Der Grund: das Handy wird fast täglich voll ge- und
entladen (die zyklische Uhr überwiegt), das Auto
seltener (die kalendarische Uhr überwiegt).
Die Werte sind eine Näherung aus dem LadeGuide-Akkualterungssimulator
(kostenlos, mit Registrierung) — kein Einzelversuch, sondern ein
Modell, das reale Fahr- und Zellen-Daten einbezieht.
Was Alterung antreibt — drei Hebel
Was die Lebensdauer am stärksten bewegt, ist nicht eine Faustformel,
sondern drei Größen:
🛣️
Laufleistung
Wie viel Kilometer pro Jahr fährst du? Viele Kilometer drehen die
zyklische Uhr hoch und nutzen den Akku — was gut
sein kann, wenn der Akku sonst viel zu lange hielte.
🔋
Akkugröße
Ein großer Akku, der selten geleert wird, altern
trotzdem — durchs Stehen. Ein kleiner Akku, der oft zykelt, nutzt
sich pro Lebensdauer aus. Entscheidend ist das Verhältnis zum
Fahrprofil.
🏠
Standort & Umgebung
Sonne statt Tiefgarage, hoher Ladestand statt niedrigem — das
treibt insbesondere die kalendarische Uhr nach
oben. Diese Hebel sind günstig und greifen bei jedem.
13 Fahrprofile im Vergleich — wer „Punktlandung“ macht
Das Ziel ist eine Punktlandung: der Akku ist mit dem
Auto fertig, nicht bereits früher (ein zu früher Austausch) und nicht
viel später (ein teurer, halb nicht genutzter Akku). Wir haben
13 Fahrprofile durchgespielt. Einige Ausreißer:
Fahrprofil (Beispiel)
Nutzung / Zelle
„Akkus“ über 18 Jahre
Bewertung
Kita-Mama
12.000 km/J., kleiner 27-kWh-Akku, nur Kurzstrecken
≈ 0,8
Punktlandung — der Akku wird fast komplett genutzt
Akkuschoner
niemals über 60 %, nie Schnellladen
„hält“ ≈ 37 Jahre
Überflüssig — das Auto hält so lange nicht, der Akku wäre halb
ungenutzt entsorgt
Zweitwagen (voll geladen)
wenig gefahren, hoher Ladestand, teils in der Sonne
sehr hoch
Schlechtestfall — maximale kalendarische Alterung
Taxi (LFP)
70.000 km/J., LFP-Zelle
≈ 1 (Ende ≈ 17 J.)
Eine gute Punktlandung — der fetteste Gewinner
Gleiches Taxi (NMC statt LFP)
gleiche Strecke, NMC-Zelle
≈ 2,6
Deutlich schlechter — nur die Zellchemie wurde gewechselt
Autobahn-Pendler
100 kWh, Akku fast täglich durch
≈ 0,9
Punktlandung — großer Akku, der genutzt wird
Zahnarzt (100 kWh, selten genutzt)
100 kWh, kaum gefahren
≈ 0,4
Über 60 % der Kapazität gehen in die Schrottpresse
Die Zahl „Akkus“ = Anzahl der Batterien, die nötig sind, um die
Autolebenszeit (18 Jahre) zu durchlaufen — je näher an 1,0, desto
besser genutzter Akku. Werte aus dem LadeGuide-Akkualterungssimulator;
Näherungswerte, kein Einzelversuch.
LFP vs. NMC/NCA — warum die Chemie den Unterschied macht
Im oben stehenden Beispiel ändert nur die Zellchemie
das Ergebnis fast dreifach (Taxi: ≈1 vs. ≈2,6 „Akkus“). Das ist der
Punkt, den die pauschale „80-Prozent-Regel“ ausblendet:
Zelle
Stark
Schwach
Typisch für
LFP
(Lithium-Eisenphosphat)
Sehr hohe Zyklenfestigkeit, robust, langlebig, gut bei tiefem
Ladestand und Kälte
Geringere Energiedichte — bei gleicher Reichweite mehr Gewicht
und ein größerer Akku
Hohe Energiedichte — mehr Reichweite pro Kilogramm, teils
steilere Ladekurve
Etwas kürzere Haltbarkeit; sensibler bei hohem Ladestand und
Hitze — Schonen lohnt eher
VW ID.4, BMW iX, Mercedes EQ, Audi e-tron (teils)
Modelzuordnung kann je nach Baujahr/Serie abweichen — im Zweifel beim
Hersteller oder bei
ev-database.org
prüfen.
Warten auf den Wunderakku?
„Ich warte, bis die Akkus besser sind“ — das ist in den meisten Fällen
kein guter Plan. Zum Vergleich: ein
Tesla Model S (2013) und ein
Model 3 (2020) fahren 15 Jahre dieselbe Strecke —
beide enden in der Restkapazität (SOH) locker über den 75–80 %.
Der neuere Akku liegt sogar etwas schlechter, weil sein kleinerer Akku
mehr Zyklen schluckt — die
kalendarische Alterung über die Zeit ist bei beiden
praktisch gleich.
In fünfzehn Jahren liegt der Akku in den Modellen in fast allen Fällen
noch über den 80 % — es gibt also wenig Grund,
auf eine spätere Generation zu warten. Das Einzige, das „Warten“
rechtfertigen könnte, wäre ein Vielfahrer (Taxi-
Niveau), bei dem der Akku vor dem Auto durch ist — und selbst dann
nur, falls die bessere Technik überhaupt kommt.
Vier: Was du daraus machen kannst
🧮
Kauf für deinen Alltag
Nimm den Akku für das, was du täglich fährst,
nicht für die Ausnahme (zweimal Urlaub pro Jahr). Wer täglich
Langstrecke hat, braucht den großen Akku; wer selten, kann evtl.
mit einem etwas kleineren Akku leben.
🚕
Schonen lohnt vor allem für Vielfahrer
Bei vielen Kilometern ist der Akku eher vor dem Auto
durch — dort zahlt sich Vorsorge aus, und LFP ist interessant. Für
die meisten Fahrprofile überlebt der Akku dagegen
das Auto.
🌡️
Kalendarisch verlängern, günstig
Fährst du wenig und willst die kalendarische Uhr trotzdem
zurückhalten, sind Sonne meiden und ein
tiefer Ladestand beim Parken die günstigen Hebel.
Sie greifen bei jedem Profil.
⭐
Warte nicht
Die Akkus von heute sind schon gut (fast 80 % Restkapazität
nach 15 Jahren in den Modellen). Ein Wunder-Akku lohnt höchstens
für echte Vielfahrer — für die meisten ist der Akku von heute
längst genug.
Zusammengefasst
Der beste Akku ist weder der größte noch der am meisten geschonte —
sondern
der, der genau dann fertig ist, wenn das Auto fertig
ist. Dann hat er seine ganze Kapazität in der Autolebenszeit genutzt
und geht nicht halb ungenutzt in die Schrottpresse.
LadeGuide plant für dein Fahrprofil — nicht für die
Durchschnitts-Faustformel
Für dich statt pauschal: LadeGuide rechnet den optimalen Ladezeitpunkt
und -wert für deine Nutzung und deine Zelle. Keine
„80-Prozent-Regel“ von oben — eine Strategie, die zu deinem Alltag
passt.
„Der Akku Doktor“ (Andreas Schmitz) — YouTube:
„E-Auto immer brav auf 80 % Laden? Warum ich diesen QUATSCH
nie wieder mache!“, mit Tom Böttcher (Akku-Wissenschaftler) — wissenschaftliche
Einordnung von zyklischer und kalendarischer Akkualterung:
youtube.com/watch?v=40yX1rPhwZE.
LadeGuide-Akkualterungssimulator (kostenlos, mit Registrierung) —
Modellierung der zyklischen und kalendarischen Alterung, basierend
auf realen Fahrdaten von Tesla-Leser-Logs und gemessenem
Zellen-Alterungsverhalten aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen;
13 durchgespielte Fahrprofile.
Ladekurven, Akkukapazitäten und Zellchemie-Zuordnung je Modell:
ev-database.org.